Volker Schwarz ist Strandmüllsammler

Zwischen Fundstück und Erinnerung – Kunst aus dem, was das Meer zurückgibt

Vor fast drei Jahrzehnten nahm eine künstlerische Auseinandersetzung ihren Anfang, die eng mit dem Sammeln, Beobachten und Bewahren verbunden ist. Bereits als Jugendlicher durchstreifte der Künstler die Landschaft rund um seinen Heimatort, sammelte achtlos weggeworfenen Plastikmüll und verband damit den Wunsch, die Welt ein Stück weit zu verändern – ein Anliegen, das bis heute seine Arbeit prägt.

Der entscheidende Moment einer künstlerischen Transformation ereignete sich jedoch an der Steilküste von Formentera. Zwischen den Klippen entdeckte der Künstler einen großen Haufen bunter Schrotpatronenhülsen, zurückgelassen von der Jagd auf Zugvögel. Die leuchtenden Farben und die gleichzeitige Verstörung über ihren Ursprung hinterließen einen nachhaltigen Eindruck. Aus einem scheinbaren Abfallprodukt wurde ein ästhetisches Fundstück – ein Ausgangspunkt für eine neue Form des Sammelns und Gestaltens.

Während die klassische Malerei mit Farben aus der Tube nie die gewünschte Inspiration bot, wurde der vom Meer geformte Kunststoff zum eigentlichen künstlerischen Material. Anstelle von Muscheln, Treibholz, geschliffenen Glasscherben oder Steinen begann der Künstler, Plastikfragmente zu sammeln: kleine farbige Schnipsel, Flaschendeckel, Wattestäbchen, zerrissene Fischerleinen, Zahnbürsten, Netze, Angelschnüre und andere Hinterlassenschaften menschlicher Nutzung. Vom Meer zurückgetragen und durch Wind, Wasser und Zeit verändert, offenbaren diese Fundstücke eine eigene Farbigkeit und Schönheit.

Aus den gesammelten Materialien entstanden zunächst mosaikartige Bildobjekte. Die Fundstücke werden nach Farben, Größe und ihrer individuellen Energie geordnet – ein Prozess, der bis heute Bestandteil der künstlerischen Praxis ist. Durch die Verbindung der einzelnen Elemente entstehen fragile Kompositionen, in denen die Grenze zwischen Naturfund, Abfall und Kunstobjekt verschwimmt.

Mit der Zeit entwickelte sich die Arbeitsweise weiter. Statt die Materialien dauerhaft zu verkleben, begann der Künstler zunehmend skulptural zu arbeiten. Schnüre und Seile werden miteinander verknotet, verbunden und zu neuen Formen verdichtet. Das Material selbst bestimmt dabei die entstehende Gestalt. Häufig entstehen Figuren aus der Tierwelt: Vögel, Fische, Fantasiewesen und andere hybride Kreaturen. Das gefundene Plastik gibt die Richtung vor – es trägt bereits eine Geschichte in sich und führt den Entstehungsprozess.

Die intensive Beschäftigung mit dem Material verbindet künstlerisches Schaffen mit einer Form des Aufräumens und Bewahrens. Jeder Strandspaziergang wird zu einer Suche nach verborgenen Farben, Formen und Geschichten. Das Sammeln ist zugleich eine Begegnung mit der Umwelt und ein Versuch, einen kleinen Teil der Verschmutzung sichtbar zu machen und zurückzuführen in einen neuen Zusammenhang.

Die Ausstellung präsentiert Fotografien von Skulpturen, die in den vergangenen sieben Jahren mit dem Mobiltelefon dokumentiert wurden. Die meisten dieser Objekte verbleiben an ihrem Entstehungsort: in Unterkünften, Bars, öffentlichen Räumen oder bei privaten Sammlern. Da der Künstler ausschließlich mit Handgepäck reist, können die Arbeiten nicht mitgenommen werden. Sie bleiben dort, wo sie entstanden sind – als Spuren einer Begegnung zwischen Ort, Material und Erinnerung.

Die ausgestellten Fotografien zeigen daher nur einen kleinen Ausschnitt eines weit verstreuten Gesamtwerks, dessen einzelne Elemente an unterschiedlichsten Urlaubsorten und Küstenregionen weiterleben.

Für die Präsentation der Ausstellung wurde bewusst ein weiteres Material aus dem Kreislauf des Kunststoffs gewählt: Die Fotografien werden auf Acrylglas gedruckt. Auch wenn dadurch neues Plastik entsteht, erhält das Material eine neue Bedeutung. Durch flexible Formate können die Arbeiten in gebrauchte Bilderrahmen eingepasst werden – Rahmen, die möglicherweise selbst dem Weg in den Abfall entgangen sind. So verbindet sich das Prinzip des Sammelns und Wiederverwendens auch in der Präsentation der Werke.

Die Ausstellung lädt dazu ein, den Blick auf vermeintlich Wertloses zu verändern. Was zurückgelassen wurde, erhält eine neue Form, eine neue Geschichte und eine neue Wahrnehmung. Aus Müll wird Material, aus Material wird Kunst.